Das grüne Pubertier

Da sitzen wir beide im Auto – ich vorschriftsmäßig angeschnallt und du, du stehst auf meinem Beifahrersitz. Kein Ordnungshüter würde uns deshalb anhalten…

Avocados esse ich total gerne – einfach lecker! Meiner Erfahrung nach ist es jedoch außerordentlich schwierig, eine Avocado genau dann zu essen, wenn auch sie dazu bereit ist. Zuvor war mir diese Besonderheit nicht bekannt.

Avocados scheinen da aber tatsächlich ihren ganz eigenen Willen zu haben. Folglich schneide ich sie entweder viel zu früh an oder aber, ich habe den passenden Zeitpunkt um etwa drei Minuten verpasst und zack, da ist sie auch schon total braun und für meine Sinne damit inakzeptabel geworden.

So auch geschehen mit meiner zuletzt gekauften Avocado im November 2021 – ich erinnere mich noch ganz genau. Enttäuscht vom inzwischen unansehnlichen Fruchtfleisch, hielt ich nun aber diesen nahezu unversehrten Kern lange in meinen Händen. Beinahe liebevoll. Ein letztes, verzweifeltes Aufbegehren meiner biologischen Uhr? Wie dem auch sei. Diesem Impuls folgend, begann ich in den Weiten des Internets zu recherchieren.
Schnell fand ich Gefallen daran, eine Avocado Pflanze aus diesem Kern zu ziehen. Gleichsam informierte ich mich, welches Regelwerk zu beachten ist.

Langsam dämmerte mir, dass man einen Avocado-Kern nicht einfach in Substrat gibt und sofort ein neues Pflänzchen das Licht der Welt erblickt. Nein.
Eine Avocado zu ziehen, ist in etwa so kompliziert, wie eine Avocado im exakt richtigen Augenblick zu essen.

Meinen Recherchen zufolge durchbohrt man den Kern der Avocado an den Seiten vorsichtig, jedoch tief genug, im schrägen Winkel mit einem Zahnstocher und balanciert diesen sodann, mit der stumpfen Seite nach unten, über eine Schale mit Wasser, welches den Kern zur Hälfte mit Wasser bedecken soll.
WER DENKT SICH SOWAS AUS?!

Mein Avocado-Kern musste kein solches Harakiri durchleben. Und ich mich in kein Statikerschnellstudium einschreiben.
Ich habe lediglich ein etwas höheres Teelichtglas verwendet. Es mit etwas Dekosand aufgefüllt, den Kern auf den Sand platziert und das Glas sodann bis zur Hälfte des Kerns mit Wasser befüllt.

Von November 2021 bis März 2022 habe ich nichts anderes gemacht, als darüber zu wachen, dass immer genügend Wasser in diesem Glas war. Ich habe es buchstäblich „bebrütet“.
Ein bisschen Wasser, in einem Teelichtglas mit dem Durchmesser von 6,5cm und einer Höhe von 7,5cm, verdunstet übrigens je schneller, desto besorgter man ist, dass es verdunsten könnte. Das entspricht jetzt nicht unbedingt dem Gesetz der Thermodynamik, aber meiner Wochenlangen Erfahrung. Ist man im Umkehrschluss jedoch weniger aufmerksam, verdunstet das Wasser übrigens auch – nur unbemerkt. Eine ausgesprochen knifflige Angelegenheit.

Aber dann war es plötzlich soweit – Avocado ist endlich „geschlüpft“ Irgendeines Tages im März 2022 war ein Riss im Kern erkennbar. Behutsam hob ich vorsichtig den inzwischen sehr, sehr, sehr glitschigen Kern aus dem Wasser und erfreute mich an „Dings“
„Dings“ bezeichnet hier die Wurzel oder den Spross und informiert hier über meine Unkenntnis darüber, WAS genau es war.
Faktisch war dieses „Dings“ unter dem Kern im Wasser, sodass ich es Wurzel nennen würde. Als ich es jedoch in Substrat gab, schien „Dings“ nach oben zu wachsen und sah aus, wie ein Spross. Am lebendigen Beispiel dieser Avocado lässt sich erkennen: die Dinge sind manchmal nicht so, wie sie scheinen.

Ganz unbedarft hatte ich auch angenommen, dass Avocado inzwischen aus dem Gröbsten raus sei. Da hatte ich aber auch längst vergessen, wie kompliziert es ist, eine Avocado im exakt richtigen Augenblick zu essen. Also weit gefehlt. Wer keinen Hund oder Kinder zu versorgen hat, der zieht sich eine Avocado.

Ein, wie ich finde, unbestechliches Pro für eine Avocado: Es gibt keinen Grund mit einer Avocado Gassi zu gehen. Ich gehe ja sehr gerne spazieren, mag es aber einfach nicht müssen – das hebe ich mir für meine Rente auf. „Goldgeist“, langwieriges hantieren mit Läusekämmen, die Gabe von Vomex und Fieberzäpfchen etc. kommen ebenfalls niemals zum Einsatz.

Kleine Anekdote: Weil meine Tochter damals zum x. Mal mit Kopfläusen nachhause kam, fand ein Glätteisen Einzug in unser Heim und ersetzte kurzerhand den Nissen-Kamm. Ein unverzichtbares Werkzeug gegen das lästige Läuse Rezidiv. Ich bin da sehr Lösungsorientiert strukturiert.
Diese kleinen, unschuldig wirkenden Eierchen, die in den schönen Haaren meiner Tochter klebten, wurden von mir rigoros weggebrizzelt. Danach musste ich allerdings noch lange Zeit die Haare meiner Tochter glätten, weil sie ihre geglätteten Haare so schön fand. 

Während sich die „Brutpflege“ ohne sichtbare Ergebnisse in die Länge zog, konnte ich ihr plötzlich täglich beim Wachsen zuschauen. Als hätte sie viel Zeit aufzuholen. Eine sehr eilige Avocado. Offenbar ist sie eine unserem Zeitgeist sehr angepasste Avocado. Die Evolution macht also noch immer ihren Job. Eine Zeit voller Erkenntnisse.

Etwas an ihrem Aussehen erinnerte jetzt an pubertierende Jungen, bei denen die Extremitäten überproportional lang und dünn sein können. Und quengelig. Also nicht akustisch quengelig. Pflanzen teilen sich ja nicht akustisch mit, sondern anhand chemischer Botenstoffe.
Weil Mensch dahingehend keine Wahrnehmung hat und der Google Übersetzer hier an seine Grenzen kommt, lassen Pflanzen einfach alles hängen, was man so als Pflanze hängen lassen kann. Jeder weiß sofort, dass man jetzt besser etwas Wasser gibt. Pflanzen haben da eine unglaublich klare Körpersprache.
Da könnte sich der eine oder andere Mensch noch was abschauen…

Nachdem ich Avocado wiederholt ein ganzes Wochenende sich selbst überließ und sonntags wieder nachhause kam, erwartete mich zwar kein Schlachtfeld, wie aus dem bekannten Film aus den 90`, jedoch wurde meine Abwesenheit prompt mit äußerst hängenden Blättern gestraft.
Da traf mich die Erkenntnis, dass ich mir im elften Monat des Jahres 2021, bei „Feinkost Albrecht“ ein Photosynthese betreibendes Tamagotchi, aus dem Obst und Gemüseregal ins Haus geholt haben muss. Einmal nicht gekümmert, schwups tot – nur ohne Reset-Knopf.
Eine adäquate Lösung musste her und war schnell gefunden. Avocado würde umziehen müssen, wenn eine 24/7 Betreuung gewährleistet sein sollte.

Da sitzen wir beide im Auto – ich vorschriftsmäßig angeschnallt und du, du stehst auf meinem Beifahrersitz. Kein Ordnungshüter würde uns deshalb anhalten…
Während ich den Motor starte, beginne ich einen Monolog darüber, dass ich dich keine zwei Tage alleine lassen kann, ohne, dass du dich hängen lässt. Avocado wippt mit ihren Blättern, als würde sie zustimmen wollen.
Und als die Zentralverriegelung durch ein Klacken signalisiert, dass wir schneller als 15 km/h fahren, schicke ich ein Stoßgebet gen Himmel, dass sich zu all diesen Eigenheiten nicht noch eine pflanzenuntypische Reiseübelkeit hinzugesellen möge. Aber Avocado wippt einfach nur weiter mit ihren Blättern…

Bild: Pexels lizenzfreie Abbildung


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2 Kommentare zu „Das grüne Pubertier

  1. Was nimmt frau nicht alles auf sich auf – aus Liebe zur exotischen Frucht. Eine Avocado zu ziehen ist wohl genauso schwer wie ein Baby zu versorgen. Beide brauchen viel Liebe.😃

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    1. Ja, und ein wachsames Auge 🙂
      Das Baby schreit zumindest, wenn es etwas braucht. Man weiß zwar noch nicht, was genau gebraucht wird – aber es „braucht“
      Eine Avocado zu ziehen hat immer etwas von „Schrödingers Katze“
      Obwohl ganz ohne den geschlossenen Kasten, weiß man bei ihr nie ganz sicher, ob noch lebendig oder schon tot.

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