»Muss der Titel so provokant?« fragt mich „R“ während wir erst kürzlich in meiner Stadt um den einzigen See laufen.
Ich erzähle ihm von meinen kuriosen Erlebnissen auf den Plattformen, die ich namentlich nicht genauer benennen werde, und auch von meiner Idee, darüber zu schreiben. »Provokant ist genau mein Ding« grinse ich ihn breit an. Die Idee dazu ist schon älter. Aber erst dieses Treffen hat meinen Entschluss hierzu gefestigt.
Das zwischen mir und „R“ wird nicht körperlich – wie mit den vorigen Dates auch nicht. Ich spiele ihm diesen Ball zu und er versteht schnell.
Er kennt nicht einmal meinen Namen – er hat einfach nie danach gefragt. Er hat mich während des Chats und während des Spaziergangs niemals angesprochen.
„R“ war übrigens der erste Mann, bei dem mein Nervensystem keinen totalen Kollaps kurz vor dem Treffen inszenierte. Dafür war ich dankbar. Vielleicht sind diese Treffen ein bisschen wie, sich die Beine epilieren – der Körper gewöhnt sich einfach allmählich an den Schmerzreiz. Das ist meine ganz eigene Interpretation dazu und ich hoffe, das war keine versehentliche Ausnahme.
Ich habe mich auch sehr darüber gefreut, dass er sich völlig normal mit mir unterhalten hat, nachdem klar war, dass dies nicht näher wird. Auch das ist nicht selbstverständlich, wie ich aus meiner Erfahrung mit „M“ gelernt habe. Dazu aber ein anderes Mal mehr. Als ich „R“ von diesem Erlebnis erzählte, lachte er »Er hat dich komplett ignoriert?!« ruft er ungläubig. »Das ist unfassbar. Da freut es dich sicher, dass ich sprechen kann» witzelt er weiter. Das Gespräch am laufen haltend, erzählt er mir ausführlich von seinen Erfahrungen auf der Plattform.
Hätte mir vor einem dreiviertel Jahr jemand gesagt, dass ich auf diversen Plattformen eine Freundschaft+ suche, dem hätte ich einen Vogel gezeigt – ganz sicher vielleicht auch Zwei.
Seither steht meine Welt ein wenig Kopf.
Mein Vokabular wurde erweitert, meine Sicht auf Beziehungsformen verändert, mein Blick auf Männer und Frauen desillusioniert. Ich selber lerne mich neu kennen. Meine Toleranzgrenze wird täglich neu geprüft und nahezu täglich versucht, neu zu verhandeln.
Ich habe keine Ahnung, wohin das alles führt. Eines ist jedoch gewiss, es führt ins unbekannte und ein Kompass wäre hier nutzlos – der Weg zurück ins vertraute undenkbar.
Ich weiß, dass ich nichts weiß. Sokrates.
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