Das Wäscheduell
»Du musst bald mal duschen« schlage ich dem Vater an einem Tag vorsichtig vor. Tage zuvor war bereits dicke Luft, weil ich ihm frische Wäsche anziehen wollte. »Ich brauche noch keine frische Wäsche, die ist noch gut!« herrscht er mich an.
»Wenn ich deinen Schlüpper riechen kann, ist da gar nichts mehr gut!« herrsche ich zurück. Mit offenem Mund starrt er mich griesgrämig an.
Ich starre wütend zurück und dann überlässt er mir wortlos seine Wäsche. Mit spitzen Fingern bringe ich sie in die Waschküche. Diese Runde geht an mich. Oft habe ich das Gefühl, ich zanke mit einem fünfjährigen Jungen und nicht mit dem fünfundsiebzigjährigen Vater.
Heute geht es aber nicht um einen hart zu erkämpfenden Wäschetausch. Die heutige Disziplin lautet „Vater duschen“. Insgesamt hat die Situation den Ernst, als möchte man einem Löwen die Zehen lackieren. In der Vergangenheit habe ich mal darüber nachgedacht, was passiert, wenn die Mutter ein Pflegefall würde. Ich hatte immer eine klare Vorstellung davon. Den Vater zu pflegen und zu duschen, kam mir nie in den Sinn. Es schien einfach absurd.
Irgendwie aber scheint klar zu sein, dass ich ihn duschen werde. Generell fallen sämtliche Prozesse der Körperpflege hauptsächlich in meine Zuständigkeit.
Die Schwester diskutiert nämlich nicht mit dem Vater. Wenn er etwas nicht will – und er will tendenziell nie – lässt sie es einfach bleiben, zuckt kurz mit den Schultern und macht ein gleichgültiges Gesicht.
Wohingegen ich darauf bestehe und echte Kämpfe mit dem Vater austragen. Einfache Körperhygiene, wie mit dem Waschlappen durch sein Gesicht zu fahren oder den Schrebbel aus den Ohren zu entfernen, lassen den Vater richtig zornig werden und bringt mich weit über meine Grenzen. Selbst das reinigen seiner Brille artet regelmäßig in einer schlimmen Auseinandersetzung mit ihm aus.
~
Da die Schwester und ich uns jeden Nachmittag abwechseln, bleiben mir zuhause nur wenige Stunden, um zu trauern. *Entkorkungsgeräusch
Meine Tochter hockt nun auf der Treppe im Flur und schaut traurig mit ihren dunklen Augen auf die Oma und mich herab.
Den fünfjährigen hat sie zu Nachbarn gebracht, welche auch kleine Kinder haben. Sie möchte den Jungen von der Situation fernhalten. Von Herzen gern hätte ich meine Tochter von dieser Situation ferngehalten.
Eine deutliche Wölbung in ihrer Körpermitte kündigt die Geburt von Lia an. Die Oma und Lia werden sich leider nur im Traum begegnen können.
Lia wird das Sternzeichen Krebs bekommen. Krebs ist auch der Grund, weshalb Lia auf die Welt kommen wird. Der Schwiegersohn hat eine Chemo Behandlung hinter sich.
Den Vater duschen
Zwei Tage zuvor hat er bereits begonnen darüber zu sprechen. Wie er geduscht werden soll. In welcher Reihenfolge was genau passieren soll. Der Vater ist trockener Alkoholiker und hat von allem einen festen Plan und eine unumstößliche Vorstellung, von der man auf gar keinen Fall abweichen darf.
»Papa, ich schaffe das schon« sage ich ganz naiv. »Schließlich habe ich mich selber ja auch schon unzählige Male geduscht« versuche ich zu scherzen und die Situation aufzulockern.
Da er sich nur noch schwer auf den Beinen halten kann, habe ich nur ein sehr kurzes Zeitfenster zur Verfügung, weshalb ich ihn auf einen Hocker sitzen lasse. Das Wasser ist zu kalt. Das Wasser ist zu heiß. »Was machst du da so lange an meinen Haaren rum? Mach, dass du fertig wirst!« treibt mich der Vater unwirsch zur Eile an. In kürzester Zeit bin ich fast genauso nass wie der Vater. Zum Glück trage ich nur ein leichtes Shirt und Shorts.
»Wäschst du mir bitte den Penis?« fragt der Vater plötzlich.
»Was? nein!« antworte ich zunächst überrumpelt.
»Das kannst du ruhig tun« spricht er weiter, als würde er mich nicht hören. »Da ist jetzt sowieso alles tot – da regt sich nichts mehr« ergänzt er im informellem Tonfall.
»Das kannst du selber!« erwidere ich gereizt.
»Aber…« fängt er nochmal an.
»Spinnst du…?! Und je mehr du mit mir darüber diskutierst, desto länger dauert das hier« falle ich ihm ins Wort.
Mittlerweile bin ich richtig wütend – nur leider noch nicht fertig mit dem Vater. Jetzt sauber, steht er in der Dusche und klappert vor Kälte. Gehetzt blicke ich umher, ob ich auch wirklich an alles gedacht habe.
Wenn er mir da jetzt fällt, werde ich ihn nicht halten können. Es ist aber alles da. Vorsichtig führe ich ihn auf die Toilette, auf welcher ein Handtuch bereitliegt. Da er friert, beeile ich mich, ihn zu trocknen. Jetzt steht er auf und guckt mich fragend an. »Nein…!« erwidere ich in schneidendem Tonfall und lasse keinen Zweifel offen.
Ich rubble ihn zu heftig trocken – ich trockne ihn nicht schnell genug!
Der Fön ist ihm zu heiß – der Fön trocknet seine Haare nicht schnell genug!
Außerdem verbrenne ich ihm die Ohren und die Bürste ziept in seinen Haaren!
~
Zuhause wollen meine Gedankengänge nicht zu Ende geführt werden. Können diese Fliegen eigentlich auch betrunken werden? Gibt es dazu Studien…?
Ich nehme einen langen Atemzug, während ich die Folie langsam von deinem Kopf rutschen lasse. Du bist nicht nur die Mutter, du bist auch meine Freundin. Alles um mich herum stürzt ungebremst in mein Bewusstsein. Ich erkenne vereinzelte Kanülen und Schläuche am Boden liegen. Tage später werden wir sie noch hinter der Kommode finden.
Ich streichle dich so leicht und liebevoll, wie du mich gestreichelt hast, als ich noch klein war. Meine ganze Liebe für dich bringe ich in diese Geste. Meine ganze Verzweiflung ebenso.
Du streicheltest mich liebevoll nach meiner Geburt. Ich streichle dich nach deinem Tod. So wird etwas grundlegend Gegensätzliches verbunden durch eine einfache Geste.
~
Pflegeheim
Der Vater wohnt jetzt im Pflegeheim – zehn Gehminuten vom Büro entfernt. Dieses Pflegeheim erscheint mir wie eine eigene Welt. Nur wenige Schritte nach dem Haupteingang braucht es, da steht man bereits an der Anmeldung. Dank Corona durchläuft man noch einen Anmeldeprozess. Da man sich zuvor um einen negativen Test bemühen musste, macht man da jetzt auch keinen Rückzieher.
Mein Körper reagiert jedoch mit Ablehnung. Dieser Eingang ist die Pforte zur olfaktorischen Hölle, bin ich mir ziemlich sicher. Und die Wand, die sich mir entgegenstellt, hat nichts Verwunschenes an sich. Ich werde nie verstehen, wie ein ganzes Gebäude so durchdringend nach menschlichen Ausscheidungen riechen kann.
Ich muss aber nicht länger bei dem Vater übernachten, atme ich befreit auf. Wie ein Mantra sage ich mir das immer wieder vor.
Zweimal die Woche besuche ich den Vater. Die Schwester besucht ihn ebenfalls zweimal die Woche. Über WhatsApp informiere ich den Vater über meine Besuche.
Der Vater hat die Sprachnachrichtenfunktion für sich entdeckt und es bereitet ihm offenbar großes Vergnügen, mich darüber zu informieren, dass sein Bett noch nicht gemacht sei, mit der ganz klaren Botschaft, dass ich dies zu erledigen habe.
Tatsächlich wird das jetzt zweimal die Woche zu meiner festen Aufgabe. Neun ganze Monate lang. Zur Tür rein, Jacke ablegen und sofort das Bett machen. Wehe, ich möchte davon aus verschiedensten Gründen abweichen.
Nein. Ich habe bei Ankunft sofort seine Laken zu richten, sonst wird der Vater richtig ungemütlich.
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