Die Käufer
In der Nachbarschaft bleibt das Ausräumen des Hauses nicht unbemerkt. Ganz sicher kennt ein Jemand jemanden, der jemanden kennt, der Interesse am Haus hat. Es ist immerhin wunderschön gelegen.
Fremde Menschen bitten ganz spontan um Einlass. Mein Zombiemodus gewährt diesen fremden Menschen Einlass. Auf seltsame Situationen folgen seltsame Entscheidungen.
Die Eltern haben Post, erkenne ich durch den Briefkastenschlitz. Ich sehe mir den Brief genauer an und sehe, dass er allgemein an die Familie gerichtet ist. Also öffne ich den Umschlag und lese tatsächlich eine ordentliche Bewerbung für das Haus. Mir geht ein wenig das Herz auf, wie sich die Familie uns vorstellt – beide sind in medizinischen Berufen tätig. Gerade urlaubt man noch, aber man habe von den Nachbarn meiner Eltern erfahren, dass das Haus verkauft wird. Und man bekundet großes Interesse. Ich wähle die hinterlassene Handynummer und schnell ist ein Termin gefunden. Auch nach dem Termin besteht noch Interesse, sodass das Haus in Zukunft mit neuer Lebendigkeit gefüllt wird.
Ein Leben kategorisieren
Erneut nehme ich mir einen dieser großen, blauen Säcke und stopfe allerlei Dinge hinein. Selbst möglichst auf korrekte Mülltrennung achtend, schimpfe ich manchmal mit den Anderen, wenn sie mit mir im Haus sind, weil sie nicht achtgeben. Meistens bin ich jedoch allein im Haus und versuche strukturiert zu arbeiten. Ich nenne es arbeiten, obwohl es kein Arbeiten ist. Es ist nämlich viel, viel schlimmer. Es bedeutet das Leben der Eltern in Müllsäcke und Stapelboxen hinauszutragen. Das Leben der Eltern wird kategorisiert in Sperrmüll, Altpapier, gelber Sack, Restmüll und Biomüll. Müllsäcke, die so schwer zu tragen sind, weil sie voller Geschichten sind.
Etwa 100 Jahre verteilt auf drei Generationen. Überwältigende 100 Jahre auf zwei Etagen, in sechs Zimmern, einer Küche, zwei Bädern, einer Waschküche, einem Abstellraum, einem Garten, einem Vordach, zwei Schuppen und einer Garage. Jede Generation hat den Hausrat der „Vorwohner“ teilweise übernommen. Und meine Eltern haben das Haus etwa fünfunddreißig Jahre mit Geschichten gefüllt. Ohne Zweifel mit einem gewissen „Tetris-Geschick“ Fucking fünfunddreißig Jahre Tetris. Halleluja.
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»Was machen wir mit der Schreckschusswaffe und dem Gewehr?« fragt jemand mit ernster Miene in den Raum. »Zur Polizei bringen« schlägt ein anderer vor. »Hast du eine Vorstellung davon, was passiert, wenn du bei der Polizei mit einem Gewehr durch die Tür kommst…?!« hat jemand einen berechtigten Einwand. Im Hintergrund scherzt jemand – ein Anderer lacht.
Kraftlos
Wieder zuhause packe ich meine Tasche aus, aber niemals so ganz. Was ich heute nicht auspacke, muss ich morgen nicht hineinlegen. Ich bin ganz im Energiesparmodus – auf allen Ebenen.
Nur die Gedanken sind rastlos und benötigen niemals eine Pause. Gedanken trotzen ja wirklich allen physikalischen Gesetzen – finde ich. Aber zwei Gläser Wein lassen meine Gedanken und meinen Körper gleichwohl erschöpfen…:
Meine Hände tasten zunächst ungeschickt und mit sehr großer Scheu nach deinen Konturen unter der Wärmefolie. Ein sanftes Knistern ist zu hören, während meine Hände suchend über deinen Körper gleiten. Dieses Knistern werde ich wohl niemals wieder vergessen. Es fühlt sich falsch an, die Folie einfach gänzlich, in einem Ruck wegzuziehen, weshalb es einige Zeit dauert, bis ich verstanden habe, wo dein Kopf ist. Niemand spricht ein Wort, während ich unsicher an dir zupfe und taste. Dann fragt aber doch jemand, ob ich das wirklich möchte? Verdammt, ja! Natürlich möchte ich das!
Ich frage den Rettungssanitäter, ob du wirklich tot bist. Er schweigt und meidet stoisch meinen Blickkontakt, aber er nickt langsam. Das kann gar nicht sein! versuche ich zu argumentieren und es ungeschehen machen zu wollen.
Der Sammelwut Herr werden
Diesmal bin ich gar nicht allein im Haus – heute sind wir viele. An diesem Tag stehe ich vor dem Bücherregal im Flur. Die Bücher sollen weggebracht werden. Unfassbar alte Kinderbücher, die der neuen Rechtschreibreform trotzen, werden von uns reihenweise in Stapelboxen verfrachtet. Es werden sehr viele werden, schätze ich mit wehmütigen Blicken ab.
Ich erinnere Dialoge. Die Mutter wollte die Bücher nicht in die Bücherei geben »Kind, das geht nicht, weil sie alle in der alten Rechtschreibung gedruckt sind. Das kann man Kindern nicht mehr zum Lesen geben«
»Dann bringen wir die Bücher eben zur Kippe« schlägt mein Erinnerungs-Ich vor. »Nein« ist die schlichte Antwort meiner Mutter.
Ein DINA4 Blatt gleitet währenddessen in meine Hände und mein Hals wird ganz trocken.. In jenem Jahr war unsere Katze „Bertha“ zwei Wochen lang abgängig. Was nun in meinen Händen liegt, vergilbt und ranzig nach Nikotin riechend, ist eine von mir selbst angefertigte Suchanzeige. Ich war etwa vierzehn Jahre alt.
Oft weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll.
Oft weiß ich nicht, ob ich hassen oder lieben soll.
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