Flügelschläge
Ein Löffel Zucker… zwei Löffel Zucker… Ich habe die Esslöffel Zucker gezählt, die ich dem Haferschleim hinzufügen muss. Bei meiner Tochter habe ich abgeschaut, wie sie ihn zubereitet. Abschmecken kann ich das nicht, da ich auf gar keinen Fall etwas von solcher Konsistenz und Geruch absichtlich an meinen Mund, bzw. Nase, heranführen wollen würde. Mir wird vom Geruch schon schwindelig.
Für den Vater gibt es aber kein alternatives Frühstück. Und da er ja gerade so einen Verlust erlitten hat und ich gar keine andere Wahl habe, koche ich ihm seinen Haferschleim – so gut, wie es mir möglich ist. Und obwohl ich alles gebe, gebe ich niemals genug. »Da fehlt ja Zucker dran!« meckert der Vater. Wortlos schubse ich den Zuckerpott etwas näher in seine Richtung und beobachte, wie er ihn ignoriert. Ein anderes Mal ist er ihm zu dünn oder mal ein bisschen zu dick. Und wenn eigentlich wirklich alles passt, wird er einfach als zu heiß befunden. Jeden zweiten Morgen das gleiche Spiel.
Abends bringe ich den Vater zu Bett. Er liegt auf der Seite, mit dem Gesicht zur Wand und weint leise. Und weiß der Teufel, was ich mir dabei denke, lege ich mich zu ihm an seinen Rücken. So verweile ich ein wenig, bis ich vorsichtig aufstehe und gehe.
Zwei Abende später möchte er gerne, dass ich mich wieder zu ihm lege, aber alles in mir lehnt sich dagegen auf. Der Vater spaltet mich in zwei Gefühlslager. Schließlich verweigere ich es ihm und fühle mich furchtbar schlecht damit.
Das Testament
»Möchtest du das Haus eigentlich noch immer haben, wenn ich mal nicht mehr bin?« möchte die Mutter von mir wissen. Sie steht am Wohnzimmerfenster und ich sitze im Sessel.
»Nein, ich denke nicht, da ich ja nun keine Heilpraktiker-Praxiseröffnen werde« antworte ich ihr wahrheitsgemäß.
»Okay, dann muss ich das wieder ändern« meint die Mutter.
Ich setze mich ruckartig auf und stoße mir beinahe den Kopf. Ich habe geträumt. Da es meine Schicht beim Vater ist, liege ich in meinem alten Zimmer unter einer Dachschräge.
»Das Testament!« denke ich und mein Herz klopft schwer gegen meine Brust. Es ist eine Weile her, aber dieses Gespräch gab es tatsächlich.
Als wollte sie mich im Traum daran erinnern, dass es ein handschriftliches Testament gibt. Es wird in der Familie allerdings nur von mir angesprochen. Ich weiß, was passiert, nur ausrichten kann ich aufgrund des fehlenden Dokuments nichts. Auch der Notar fragt nach einem Testament. Tonlos äußere ich, dass es weg ist, wenn es eines gab.
Die Familie schweigt dazu.
~
Nachdenklich beobachte ich zuhause eine Obstfliege, wie sie um mein Weinglas schwirrt. Wo kommen die Biester eigentlich immer her…?
Alles geschieht jetzt wie in Zeitlupe und gleichzeitig überschlagen sich die Ereignisse.
Der Vater und die Schwester sind in der Küche. Die Schwester tröstet den Vater. Die Schwester kommt kurz zu mir in den Flur. Ein schneller Blickwechsel und große Augen, teilen wir uns gegenseitig unser Entsetzen mit. Sofort huscht sie zurück – den Vater trösten. Ich bleibe im Flur zurück. Kraftlos sinke ich zu dir auf den Boden. Mit mir sind die Rettungssanitäter und mein Schwiegersohn. Der Schwiegersohn weicht nicht von meiner Seite.
~
»Arschloch!« schreit mich der Vater neben mir vom Beifahrersitz aus an und heult weiter wütend auf: »du solltest da langfahren!« Wir haben einen Termin, zu dem ich uns drei fahre. Die Schwester sitzt auf der Rückbank. Ich bin bemüht, meinen Zorn und die Empörung nicht ins Gaspedal zu treten. »Möchtest du laufen…?« presse ich deshalb die Frage nur mühsam hervor, die eigentlich gar keine Frage ist. »Warum fährst du nicht da lang, wie ich es dir sage?!« schnauzt der Vater mich weiter an. »Weil ich lieber hier lang fahren möchte« sage ich ihm und zwinge meinen Ärger zurück.
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Am Ende des letzten Absatzes haben sich ein paar falsche Wörter eingeschmuggelt (aus einem früheren Absatz). Das solltest du korrigieren, dann kannst du diesen Kommentar gern löschen. 😉
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Danke Rosa 🙏🏼
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