Flügelschläge | 3

Am folgenden Tag…

mache ich dem Vater etwas nicht recht. »Du bist ja schlimmer, als deine Mutter!« donnert es mir entgegen. Etwas Familie ist auch anwesend.

Worte habe ich dafür keine und ich kann nicht klar denken – aber fühlen. Wut pocht an meinen Schläfen und verkrampf sich in meinem Bauch. Wut auf die Familie, die den Vater nicht in seine Schranken weist. Wut auf mich selbst, dass ich ihm erlaube, mich so zu behandeln.

Diese Wut raubt mir fast den Atem und lässt mich schwindelig werden. Aber jetzt ist meine “Schicht” also schlucke ich die Kröte und zwinge mich in die Rolle, die jetzt notwendig ist. Erklärungsversuche klingen an mein Ohr: »Du kennst doch deinen Vater, er meint es nicht so… Der Tod Deiner Mutter… Er hat einen tragischen Verlust erlitten…«

Undenkbar

Wieder in meinen eigenen vier Wänden angekommen, steht vor mir eine Flasche Wein. Welch Ironie, denkt der kleine Affe in meinem Kopf, der großen Spaß an Wortspielen hat.

Und wie ich meinen Gedanken schon etwas träge nachhänge, kann ich plötzlich nicht mehr viel erkennen – zu viele Tränen…:

Vor eurem Haus ist die Hölle los. Fast blind zwänge ich mich zwischen Krankenwagen und Notarztfahrzeugen über die Einfahrt des Nachbarn, auf eure Einfahrt. Eure Haustür steht weit geöffnet. Aber jetzt hat das überhaupt nichts Einladendes an sich. Als ich im Eingang stehe und mir einen Überblick verschaffe, sehe ich dich auf dem Stuhl unter der Treppe sitzen.

Zombiemodus

Wenn sich alles gleichzeitig in deinem Kopf Raum verschafft, implodiert diese unfassbare Masse zu einem massiven Kern und kommt so winzig daher, als wäre er nichts. Dies ist die Geburtsstunde meines „Zombiemodus“ Danke, dass es ihn gibt.

Dieser Zustand beschreibt das Herabfahren von Gefühlen auf ein Minimum. Er dient der Gewährleistung von Funktionen, welche helfen sollen, sich um Andere zu kümmern und Situationen zu bewältigen, welche im normalen Alltag für gewöhnlich nicht zu ertragen sind.

Das Trauerzentrum ist weitestgehend ohne Funktion und eigene Belange werden für ein unbekanntes Zeitfenster in den Hintergrund gedrängt. Trauer ist nicht möglich, weshalb sie wie eine Erkältung verschleppt wird.

In Vaters Beisein ist dieser Zustand aktiv. Er klingt erst ab, nachdem ich etwa zwei Stunden wieder allein zuhause bin. In diesen Stunden streife ich den Vater ab und werde wieder mir selbst bewusst. Während dieser Zeit durchlebe ich wieder und wieder diesen Samstagmorgen. Und mit jedem folgenden Tag wird noch eine weitere, negative Erinnerung anhängig. Ich packe meinen Koffer mit…

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