F*cking Trüffelschwein – Satire

In einem unbeobachteten Moment stibitze ich mit flinken Fingern den Glühwein der Freundin und inhaliere den würzigen Dampf. »Da ist Zimt drin.« denke ich laut und weil sie nicht protestiert, erlaube ich mir einen winzigen Schluck zu nehmen.
»Was DU wieder riechst…« rollt sie mit ihren Augen.
Das „du“ betont sie dabei etwas auffälliger – fast theatralisch. Wohl, um zu unterstreichen, dass ich ihrer Vermutung nach Trägerin einer Alien-DNA bin, weil ich oft Sachen rieche, die sie meist nicht riecht. Das ist außerdem auch sehr effektiv, um jemanden auf charmante Art „du spinnst“ zu sagen.

Meinen Kopf auf die Hände gestützt, schaue ich ihr zu, wie sie an ihrem Glühwein nippt und nach jedem Schluck kleine Dampfwölkchen aus ihrer Nase bläst.
Ich präge mir mein Umfeld vorwiegend über den Geruch ein…, gehe ich meine Erinnerungen durch.
Krass, aber nicht schlimm, finde ich Duft-Kreuzungen wie Deo, Duschgel und Parfüm verschiedener Duftrichtungen zu verwenden. Ich erkenne den inzwischen schwachen Duft von gestern, auf den gestern und heute getragenen Pullover – heute jedoch mit einem anderen Parfüm.

Menschen, welche ohne künstliches Duftcover für meine Nase unsichtbar sind, faszinieren mich. Das kleine Mädchen in mir möchte nach diesen Menschen greifen, und ihr kleines Gesicht tief in sie vergraben, weil es gar nicht glauben mag, dass diese Menschen neutral riechen. Da behaupte also noch wer, ich sei nicht diszipliniert.

Überaus gerne würde ich Gerüche übrigens nicht bewerten. Das fällt mir gar nicht so leicht. Wenn mein Empfinden einmal entschieden hat, einem olfaktorischen Angriff erlegen zu sein, erzittern Millionen Riechzellen vor Ekel und lösen eine Woge der Übelkeit in mir aus. Sehr gerne würde ich nicht alles in dieser Fülle wahrnehmen müssen.
Im privaten Umfeld intensiviere ich solche Begegnungen nicht. Beruflich kann das herausfordernd sein. Wo „meiner Nase nach“ manchmal eine Zusammenarbeit auf fernen Sichtkontakt ausreichen würde, in einer anderen Stadt zum Beispiel… – ich weiß, ich übertreibe…
Es… ist… aber auch schwierig die eigene Not in Worte zu fassen, ohne einen unpassenden Stempel aufgedrückt zu bekommen.

Dabei ist Geruch alleine betrachtet, weder positiv noch negativ. Die Bewertung dessen ist eine Frage der eigenen Präferenzen. Oder hat hier das körpereigene Chemielabor das Bestimmungsrecht…?
Geruchsemissionen, die von Personen ausgehen, sind ein sensibles Thema. Kritik geht allenfalls hinter vorgehaltener Hand – ein Tabu.
Fakt ist: schlechte Körpergerüche werden fast nie kritisiert. Und wenn doch mal Kritik geäußert wird, ist das auf jeden Fall ein Angriff auf die Persönlichkeit – nicht!

Bereits als kleines Kind habe ich die Welt buchstäblich mit meinem Geruchssinn begriffen. Während andere Kinder wirklich wichtige Dinge gelernt haben – Laufen zum Beispiel, war ich damit beschäftigt, mir im Kopf eine vollumfängliche Datenbank mit Gerüchen anzulegen. Das hatte zur Folge, dass ich recht spät Laufen gelernt habe.
Andere Kinder sammeln ihre Eindrücke, indem sie Informationen mit ihrem Mund erfassen. Sie speicheln Dinge solange ein, bis sie sie zurück in ihre atomaren Bestandteile zerlegt haben.
Ich habe mir die Dinge lediglich untersuchend unter die Nase gehalten – ohne sie zu modifizieren. Rückblickend halte ich ja meine Methodik für viel schlauer. Was bringt es dir, wenn du etwas untersucht und sogar verstanden hast, wenn du nicht mehr erkennen kannst, was es war?

Aus meiner Eigenart hatte sich eine dieser Familiengeschichten entwickelt, die sich hartnäckig über Jahrzehnte hinweg hält und selbst dann noch in der Familie erzählt wurde, als ich längst erwachsen war.
»… Die Birgit konnte man ja wirklich sorglos mit Lego spielen lassen – obwohl sie noch so klein war! Was nicht nach Essen gerochen hat, hat sie gar nicht erst in den Mund genommen« Möchte man als erwachsene Frau solche Geschichten von sich hören? Sicherlich nicht.

Tatsächlich erinnere ich mich an den Geruch von Lego und weiß noch ganz genau, wie Wellensittiche riechen. Ich betrete das Büro und erkenne den Geruch des teuren Lippenstifts, den die Kollegin zuvor verwendet hat – weil ich diesen ganz speziellen Duft als kleines Mädchen irgendwann abgespeichert habe. Und der Geruch von Elektrizität in Produktionsanlagen ist mir ebenso vertraut, wie der charakteristische Geruch vom erhitzten Staub/Kunststoff in Server-Räumen.
Und ich möchte wirklich niemanden den vorweihnachtlichen Appetit verderben, aber der Geruch von frischem Fleisch und Menstruationsblut sind sich gar nicht so unähnlich – sorry, not sorry…!

Beim Thema Wahrnehmung sollten keine Diskussionen begonnen werden, besinne ich mich wieder zurück auf die Gegenwart.
Seufzend lasse ich also meine Schultern sinken. Draußen ist es kalt und dampfend steigt ihr das Aroma in die Nase.
Wieso kann sie den Zimt denn nicht riechen? will mich die Frage nicht loslassen, noch immer die feine Note nachspürend – außerdem auch einen Hauch von Anis. Das sage ich ihr aber lieber nicht, denn sie kann Zimt und Anis nicht ausstehen.
„Was nicht sein kann, was nicht sein darf“ amüsiere ich mich still und schiele noch einmal mit neidvollem Blick auf ihren Glühwein.

Ich bin wohl ein f*cking Trüffelschwein, überdenke ich schimpfend mein Fazit.
Ich finde Gerüche, die meine Mitmenschen nicht riechen.

Bild: Pixabay, lizenzfreie Abbildung


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